2004 "Balance - analog-digital" (oder "Mit Pinsel und Maus")

Spitäle Würzburg

Pigmente und Pixel


Sich für eine Ausstellung anzumelden, ist die eine Sache. Die andere Sache besteht in der mitunter viel Kopfzerbrechen bereitenden Frage, was es denn für eine Ausstellung sein soll. Natürlich soll es etwas ganz Tolles sein, etwas, das begeistert, das anspricht, Gespräche entzündet. Voller Selbstironie erzählt Barbara Schaper-Oeser in einem von ihr konzipierten Film die Entstehungsgeschichte ihrer jüngsten Ausstellung "Balance : analog - digital", die am Samstag im Würzburger Spitäle eröffnet wurde. Wie entsteht der Gedanke für ein übergreifendes Thema, wie geht die Künstlerin an ihr Werk heran, wie kommt sie zu ihren Farben, ihren Materialien, ihren Ideen - Geheimnisse, die viele Künstlerinnen und Künstler nicht preiszugeben wünschen, werden von Schaper-Oeser in ihrem Film enthüllt.

In kleinen Filmsequenzen ist die Malerin in ihrem Atelier zu sehen, wird gezeigt, wie sie Wasser und Leim, Specksteinstaub und Asche aus Mallorca miteinander verrührt. Im Hintergrund gibt es derweilen Erklärungen zu dem Thema, das sie sich selbst stellte, und von dem sie weiß - es könnte abschreckend wirken. "Analog" und "digital", obwohl beide Wörter längst in die Alltagssprache eingesickert sind, haben sie etwas, das auf Distanz hält. Wer kann genau definieren, was analog ist, was digital? Nun, die Stimme aus dem OFF kann es, sie erläutert, dass sich analoge Prozesse kontinuierlich und also stufenlos vollziehen, im Gegensatz zum sprunghaften Prozessvollzug im Bereich des Digitalen. Schaper-Oeser arbeitet zugleich analog und digital. Sie malt Bilder, die sie hinterher am Computer weiterverarbeitet. Im Film ist ihre Hand zu sehen, wie sie den Pinsel hält - und wie sie die Computermaus bedient.

Mit ihrer jüngsten Ausstellung will die Malerin und Grafikerin zeigen, welche kreativen Erweiterungen möglich sind mit dem Werkzeug Computer. Den von vielen - vor allem älteren - Künstlerinnen und Künstlern noch immer verteufelten Computer möchte die 1941 in Leipzig geborene Malerin mit ihrer analog-digitalen Bilderschau ein wenig zur Salonfähigkeit, zur Etablierung auch in den Sphären der Kunst verhelfen. Technik, so ihre Überzeugung, die nur allzu oft auf Abwehrhaltungen des Gegenübers prallt, muss nicht im Gegensatz zur Kunst, zum Leben stehen. Technik bedeutet nicht automatisch Fantasiekillerei. Technik engt nicht ein, versklavt nicht, jedenfalls nicht per se - Technik kann unendlich viele neue Möglichkeiten schaffen.

Schaper-Oesers Bilder selbst sind in keiner Weise "technisiert". Kein einziges der ausgestellten Werke ruft die Assoziation "Computerbild" hervor. Die intuitiv entstandenen Arbeiten sprechen an, berühren. Sie erzählen von dem Lebensgefühl einer Frau, die von Optimismus, Harmonie, Streben nach innerer Balance getragen wird. Schaffensfreude, Lust am Umgang mit Formen, Farben und Materialien sprechen aus den Werken, die so beredte Titel tragen wie "Ganzheit" oder "Explosion". Schaper-Oeser weiß, dass sie sich mit ihrer Ausstellung dem Vorwurf aussetzt, sie blende den kritischen Aspekt von Technik, Technokratie, Vertechnisierung aus. Doch genau die ist nicht ihr Ansatz, sieht sie nicht als ihren Auftrag. Sie weiß um die Schattenseiten der Technik, weiß darum, dass die "Technikwut" dazu geführt hat, dass nachgerade absurde Lebensbereiche technisiert wurden und werden. Bis in die zwischenmenschlichen Beziehungen hinein lassen sich die Spuren der Technik feststellen. Man nimmt keine Beziehung zu jemandem auf, sondern hat "Connections". Man übt kein Amt aus, sondern hat eine "Funktion" inne. Der Umgang mit Maschinen bestimmt unseren Erfahrungshorizont, Mechanismen haben sich in selbst banale Verhaltensweisen eingeschlichen. Maschinen bestimmen den Takt, Computer die Geschwindigkeit, und plötzlich sieht sich der Mensch in der Zwangslage, dass er sich den blutlosen Wesen, die er schuf, anpassen muss - nicht umgekehrt. Entfremdung, Verdinglichung, Versachlichung, Funktionalisierung, Entmenschung- die Ängste der Menschen, so die Mediengestalterin und Videofilmerin, sind berechtigt. Aber sie dürfen nicht zur kategorischen Ablehnung von Technik als Werkzeug führen.

Selbst jene Ausstellungsbesucher, die den kritischen Aspekt des Themas "analog-digital" vermissen, werden nach dem Besuch der Ausstellung einräumen, dass Schaper-Oeser der Brückenschlag zwischen dem "analogen", sinnlichen Werken im Atelier und dem "digitalen", indirekten Arbeiten vor dem Bildschirm gut gelungen ist. Mit dem Computer greift die Künstlerin Bildideen auf und variiert sie. Sie spielt mit ihren eigenen Motiven, deutet um, moduliert, konkretisiert oder sublimiert. Dabei hebt sie den Gegensatz zwischen dem Analogen und dem Digitalen auf. Am Ende sind Bildpaare in Balance zu sehen, die mit dem Pinsel und der Maus, mit Hilfe von Pigmenten und von Pixel, mit Atelierwerkzeugen und "Tools" entstanden sind.

Pat Christ
© Fränkische Nachrichten – 24.09.2004

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