Fotos von Aufbau und

Vernissage

2009 "Eine Handvoll Kunst" Spitäle Würzburg

Fünf Künstler, fünf Techniken
Von Eva-Suzanne Bayer in "nummerachtundvierzig"

"Gerade mal eine Hand voll", so bezeichnet man das absolute Überlebensminimum von eines Sache. Eine Handvoll Zuhörer reicht, um ein Konzert nicht ausfallen zu lassen. Eine Handvoll Glück ist zwar nicht der große Wurf, aber doch das nötige Quantum, um das Leben zu bestreiten.

Die „Handvoll Kunst" im Würzburger „Spitäle" ist aber keineswegs die Hungerration von Kunst. Im Gegenteil: Selten ist eine Ausstellung schon in ihrem Aufbau und im gedanklichen Ansatz so gelungen wie diese. Tritt man ins „Spitäle" ein, wird man sofort von der Konzentration, der Ruhe, der Logik und der Qualität dieser Präsentation gefangen. Sie lädt zum langsamen Flanieren, zur Kontemplation und zum behutsamen Seh-Abenteuer ein und kein einziges der Exponate enttäuscht.

Was bei einer Handvoll eigentlich logisch ist: Fünf KünstlerInnen taten sich zusammen und stellten sich ein gemeinsames Thema: Quadrat und Kreis bzw. Würfel und Kugel. Als besonderer Reiz kommt hinzu, dass die Fünf in verschiedenen Techniken arbeiten und die ganze Palette der Kunst umfassen.

Dabei sind der Plastiker Kurt Grimm, der Zeichner Hugo Durchholz, der Objektkünstler und Silberschmied Matthias Englert, die Malerin Barbara Schaper-Oeser und die Keramikerin Barbara Schwämmle.

Das geometrieverliebte Thema ist eng genug, um eine Einheit leicht zu bündeln und weit genug, jedem Künstler seine Freiheit zur persönlichen Handschrift zu lassen. Vier der Teilnehmer sind Mitglieder der VKU (Vereinigung Kunstschaffender Unterfrankens). Barbara Schwämmle, den einzigen Gast (aus Rott/Lech), lernte Barbara Schaper-Oeser auf einer Marokkoreise kennen und war bezaubert von ihren Arbeiten.

Barbara Schwämmle ist auch die Entdeckung in der Ausstellung. Zwar gibt es auch Gebrauchsgegenstände - flache Platten, doppelwandige Schalen, elegante, zweifarbige Vasen -, doch ihre Stärke liegt in den von der Natur inspirierten Objekten, die an Artischocken erinnern (so auch ein Titel), an Keime, Zapfen oder die merkwürdigen Wüstengewächse, die sich bei Trockenheit zusammenrollen und sich bei spärlichem Regen entfalten. In beigem Naturton oder Schwarz formt sie runde und eiförmige Objekte, die gedreht oder aufgebaut und bei 1300 Grad im Gasofen reduzierend gebrannt werden. Manche färbt sie mit einem strengen Muster. Andere stellen Lamellen auf, wie ein moderner Klappkalender, werden mit Rillen, Ritzungen und Punkten verziert. In ihrer Grundform aufs Knappste konzentriert, strukturiert sich die Oberfläche wie eine poröse Haut, zieht „Schuppen" übereinander oder belebt die Binnenform mit kleinschlaungen Elementen. Schönheit, Eleganz und eine reiche, doch sehr disziplinierte Fantasie machen diese Objekte zu großen Kunstwerken weitab des bloßen Kunsthandwerks.

Auch Matthias Engert ist ein Gratwanderer zwischen Kunst und Design. Seine abenteuerlichen silbernen Tee- und Kaffeekannen mit quadratischem oder rundem „Loch" verbannt er zwar in die Vitrine nahe dem Eingang. Aber seine konstruktivistischen Metallobjekte aus zum Teil bemaltem Messing bringen einen Hauch konkreter Kunst mit sich. Ausgehend von den Grundformen Quadrat, Dreieck und Kreis- und den Grundfarben Rot, Gelb, Blau kreiert er kleine Labyrinthe, in denen sich der Blick verirren kann, oder er erfindet Sudoku-ähnliche Felder mit sich in einem Punkt verschiebenden Ornamenten. Gleichklang gewöhnt und erwartend, wird die unvermutete Abweichung zum optischen Ereignis, zur Pointe.


Kurt Grimm spielt in seinen großen, aber auch miniaturistischen, fast nippesgroßen Eisen- und Stahlplastiken mit Kreissegmenten. Seine Arbeiten sind alle mit ockerfarbigem Rost überzogen, als hätte die Zeit ihre Spuren in die Oberfläche hineingebrannt. Grimm versteht es, der gewichtigen Großform und dem schweren Material eine ungeheure Leichtigkeit und Dynamik zu verleihen. Wie eine Spirale zieht er seine Kreissegmente in die Länge, bringt Teilstücke versetzt an, läßt Kreissegement in Quadratsegement übergehen, so daß die Bewegung immer wieder ihre Richtung ändert. Die Wucht der inneren Dynamik vermag Unmögliches: Seine Plastik „Aufschwung" in der Apsis des „Spitäle" scheint sich ins Unendliche hinaufzuschrauben und nimmt dem Material jede Schwere und jedes Gewicht.
Grimm lehrt der Schwerkraft das Tanzen und hebelt scheinbar Naturgesetze aus. Fast möchte man sagen: Das Eisen bekommt bei ihm Grazie.

Der Zeichner Hugo Durchholz läßt sich durch das Grundthema Quadrat und Kreis am wenigsten beeindrucken. Er wählt das Blattformat Quadrat für seine Leiberlabyrinthe - das war's. Aber er bildet einen reizvollen Kontrapunkt zu all der Geometrie. Meist weibliche Akte in Frontal-, Rücken- und Seitenansicht legt er so raffiniert ineinander und übereinander, dass sich ein rätselhaftes Körpergestrüpp bildet, in dem sich Detail- und Gesamtansicht vermischen. Er suggeriert Räumlichkeit und bricht sie sofort durch ein gemustertes Tuch in die Fläche, er verwirrt und irritiert den Blick und zwingt zu neuen Orientierungen. In abenteuerlichen Verkürzungen und Fragmentierungen baut er eine Architektur aus Torsi mit meist anonymen Gesichtern: da eine Fußsohle, da ein Schenkel, da ein Gesäß überlappt von einer Hand. Die Menschmaschine verliert alles Organische, wird schwellendes Barock, das Höllenstürze von Michelangelo oder Rubens assoziieren läßt. Indem er Rötel, Bleistift, Kugelschreiber und Tempera vermischt, erobert er immer neue Dichtegrade des Graphischen, verwischt oder ziseliert Konturen.

Gemälde und Bleiobjekte kommen von Barbara Schaper-Oeser, die sich von Jahr zu Jahr merklich weiterentwickelt und in der spät entdeckten, heftigen Abstraktion, im nonfigurativen Materialbild, immer zündendere Einfalle hat. Kreis und Quadrat beschäftigen sie bereits seit 2004. Damals reduzierte sie für ihre Ausstellung „Balance" digitale Zeichen auf „0" und „I", die ja auch die Grundformen der Geometrie umfassen. Im „Uomo universale !?" nahm sie, ausgehend von der berühmten Proportionszeichnung von Leonardo da Vinci, das Thema wieder auf und deklinierte es in ihren Mischtechniken mit mürber Oberfläche zu Varianten aus Großform und Ornament. Nun hat eine Marokkoreise ihre sehr reduzierte Farbigkeit energisch belebt und ihren Formkanon bereichert. Ihre kraftvollen Bilder nennt sie nun „Medersa" oder „Arabeske". Zwar ist der Kreis fast völlig verschwunden, doch die unregelmäßigen Rechtecke werden nun mit skripturalen Zeichen, haptisch durchkneteten Farbfeldern, vielschichtigen Ornamentreihen kontrastiert. In eine Klebermasse schüttet sie Eisenfeilspäne, was schon eine rauhe Wirkung erzeugt. Einzelne schwarzglänzende Partien besprüht sie mit Wasser und läßt sie rosten. Nicht nur das Auge, auch der Tastsinn wird durch dieses Farbamalgam aktiviert. Sie kratzt und ritzt ihre Bilder, perforiert und biegt ihre Bleiobjekte und hinterfüttert sie mit Spiegel oder Goldfolie.

 

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